Das Jahr 25 neigt sich dem Ende zu. Wir haben dies als Anlass genommen, um zurückzublicken – auf die Gründung unserer Schule und die 166 Jahre, in denen sich das VHG zu dem Ort entwickelte, den wir heute kennen. Es ist ein Blick zurück auf eine bewegte Geschichte, die nicht nur von den vielen Veränderungen erzählt, die unsere Schule nachhaltig prägten, wie dem Umzug, den Umbauten sowie der Öffnung für Jungen, sondern die auch Emanzipation von Frauen im Bildungsbereich in Bayern widerspiegelt.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Bayern keine höheren staatlichen Bildungsanstalten für Mädchen. Bildung war für Mädchen und Frauen folglich kaum zugänglich. In Lindau änderte sich dies 1859 mit der Gründung des Kinkelinschen Evangelischen Töchterinstituts durch Euphrosine, genannt Sina, Kinkelin (1831 bis 1912). Schon ihr Großvater hatte 1803 eine private, höhere Bildungsanstalt für Jungs und Mädchen gegründet. Ihm gehörte das Bensperghaus, das heutige Auktionshaus Zeller auf der Lindauer Insel, in dem Sina Kinkelin 1858 mit ihrer Schwester Anna Kinkelin eine Privatklasse unterrichtete. Zuvor ging sie nach Regensburg, um sich dort zur Lehrerin ausbilden zu lassen, weil in Lindau diese Möglichkeit für Frauen zur damaligen Zeit nicht bestand.

Anna und Euphrosine Kinkelin (Archiv VHG)

Rückansicht des Benspergerhauses 1916 (Archiv VHG)
Nachdem ihr Antrag auf Genehmigung zur Gründung einer höheren Bildungsanstalt genehmigt worden war, wurden weitere Schülerinnen aufgenommen. Darunter Töchter der Lindauer Oberschicht und auch Mädchen aus dem Ausland, sodass die Schule schließlich auch als Internat fungierte. Die Schülerinnen wurden in verschiedenen Bereichen unterrichtet, wie zum Beispiel in Geschichte, Rechnen und auch in den Sprachen Englisch und Französisch. Auch auf Fertigkeiten, wie Zeichnen und Handarbeiten, und religiöse Erziehung wurde viel Wert gelegt.
Nachdem die Kinkelin Schwester 1903 die Schulleitung abgaben, erfolgten mehrere Leitungswechsel, bis schließlich Elisabeth Burger 1906 die Schulleitung übernahm. Diese hatte bereits als Gasthörerin Vorlesungen an der Sorbonne in Paris und in Oxford besucht, was sie für die damalige Zeit als eine außergewöhnlich emanzipierte, gebildete Frau hervorhob. Ein reguläres Studium war Frauen weiterhin untersagt. Obwohl Mädchen seit 1912 in Bayern gesetzlich Abitur machen durften, war die Umwandlung 1930 in ein Lyzeum ein bedeutender Schritt, weil es nun auch praktisch möglich war, die Hochschulreife zu erlangen.
1937 übernahm die Stadt Lindau die Trägerschaft der Schule. Zu dieser Zeit beeinflusste die nationalsozialistische Politik auch in Lindau den Unterricht, was insbesondere durch den verstärkten Fokus auf Sportunterricht und Hauswirtschaft sichtbar wurde. Dennoch legte 1943 an der Schule die erste Mädchenklasse in Lindau ihr Abitur ab. Kurz vor Ende des Kriegs schlossen Schule und Internat.
Während das Internat für immer geschlossen blieb, eröffnete die Schule Anfang September 1945 jedoch bereits wieder. Nach der Wiedereröffnung fand unter den Schülerinnen eine “Entnazifizierung” statt. So musste eine ehemalige Führerin im Bund Deutscher Mädel die Schule nach Ablauf des Schuljahres verlassen. Zwei weitere durften jedoch bleiben. Auch der Lehrplan wurde angepasst. Beispielsweise beschränkte man den Geschichtsunterricht auf Prähistorie und Altertum. Außerdem gibt es seit dem Schuljahr 1949/50 auch wieder eine Schülervertretung, die SMV.

Erster Abiturjahrgang 1943, im Hintergrund Schulleiter Walter Dorfmüller (Archiv VHG).
Im Schuljahr 1951/52 wurde die „Städtische Oberrealschule für Mädchen” dann in „Städtisches Mädchengymnasium “ umbenannt und fungierte so erstmals als Gymnasium. Zum 100 jährigen Jubiläum der Schule waren 419 Mädchen Teil der Schulgemeinschaft. Aufgrund Platzmangels im alten und baufälligen Gebäude mussten die Anfangsklassen nach Aeschach ausweichen. 1961 wurde dann schließlich der Neubau der Schule in Aeschach beschlossen, in den die Schulgemeinschaft am 07.09.1965 ziehen konnte. Von nun an wurden die Schülerinnen des „Städtischen Gymnasiums” auf dem Festland unterrichtet.

Mit den Jahren wurde das Schulhaus stetig erweitert und modernisiert: 1970/71 wurden drei Erweiterungsbauten mit Schulküche, Filmsaal und Sprachlabor errichtet. 1975 folgte der Ausbau des Gebäudes durch den Kunst- und „Pfänder”-Anbau und 1996 wurde durch das Aufstocken des Kunsttraktes mehr Raum geschaffen. 2007 kam es dann zur Errichtung der Mensa und der Bibliothek. Auch das Dach wurde im Laufe der Jahre erneuert: Das zuvor undichte Flachdach der Schule wurde 1997/98 durch ein leicht geneigtes Satteldach ersetzt.
Zeitgleich mit dem Ausbau des Gebäudes erfolgten weitere einschneidende Veränderungen: 1971 die Verstaatlichung der Schule und die Einführung der Fünftagewoche im darauffolgenden Jahr. Nachdem an der Schule 127 Jahre lang ausschließlich Mädchen unterrichtet worden waren, wurde 1987 dann zunächst der neusprachliche Zweig und im Schuljahr 1990/91 auch der sozialwissenschaftliche Zweig für Jungen geöffnet. Der wirtschaftswissenschaftliche Zweig ist erst 1999 neu hinzugekommen. Deshalb konnte die Schule nicht länger Städtisches Gymnasium für Mädchen heißen und erhielt, da keine sofortige Einigung über einen neuen Namen erzielt werden konnte, zunächst den provisorischen Namen ‚Gymnasium Lindau (B) II‘. 1992 konnten Elternvertreter, Lehrer und Kreisräte sich dann schließlich darauf einigen, die Schule nach dem Gründer des Lindauer Kinderfestes in Valentin-Heider-Gymnasium umzubenennen.
Die Geschichte unserer Schule hat also schon viele Jahre vor uns begonnen und zeigt, was sie in den letzten 160 Jahren geprägt hat, dass sie sich von einer anfangs kleinen Bildungseinrichtung für Mädchen in unser heutiges VHG gewandelt hat. Rückblickend stellt sich allerdings die Frage, ob unsere Schule nicht nach den Kinkeln-Schwester benannt hätte werden sollen. Schließlich legten sie mit der Gründung der Bildungseinrichtung für Mädchen den Grundstein für das, was unsere Schule heute ausmacht und ohne ihr Engagement hätte das VHG vielleicht lange Zeit gar nicht existiert. Was denkt ihr zu dem Thema? Hätte unsere Schule nach den Kinkelin-Schwestern benannt werden sollen?
Noch mehr Infos zur Geschichte des VHG findet ihr auf der VHG-Homepage unter: https://vhg-lindau.de/images/pdf/Geschichte.pdf
Alicia Hillwig und Elisa Müller | VHG News, 04.12.2025
